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Wir sind die Held*innen unserer eigenen Geschichte

17. Juni 2019, 8405 Zeichen

14. Juni 2019 — jede* hat es gebraucht an diesem Tag, jede* einzelne. So schnell wird keine* von uns dieses, hoffentlich bald als historisch erkanntes Ereignis vergessen können. Auch die, die noch immer die Augen verschliessen und wegsehen, werden nicht so schnell davonkommen. Es wird eine Weile dauern, bis die Quartierstrassen wieder grau in grau sind und wir unsere Frauen*streik-Fahnen abhängen werden. Wir haben vorgesorgt und sind noch nicht am Ende, auch wenn die Medien uns so schnell wie möglich vergessen möchten. Schäbige, einseitige Berichte über „emotionale“ Frauen*, denen man an diesem Freitag im Juni einen „Aktionstag“ gegönnt hat. Man(n) hat nicht richtig zugehört, sonst wird’s ja ungemütlich. Das mag die Politik nicht, wie sie im Schweizer Fernsehen im Anschluss an unseren Tag eindrücklich vorgeführt hat. Tamara führt in der Öffentlichkeit einen unermüdlichen Kampf für unser Dasein. Tamara hat uns auf dem Bundesplatz mit ihren Worten umgehauen und zu Tränen gerührt. Und tut es immer noch. Es braucht mehr Tamaras. Es gibt mehr Tamaras. Das hat der 14. Juni bewiesen. Ein kleiner Teil konnte ihre* Stimmen an diesem Tag dem breiten Publikum kundtun. Doch wer meint, sie seien die einzigen, täuscht sich gewaltig. Auch die Frauen* der unsichtbaren Masse haben Meinungen: Sie haben Jobs, keine Jobs, Kinder, keine Kinder, Ängste, Bedürfnisse, Ehepartner*innen, Freund*innen, — kurz: ein Leben. Und zwar nur eines. Und zwar eines, mit dessen Bedingungen wir Frauen* nicht nur einverstanden sind. Deshalb sind wir so zahlreich erschienen, um uns in den Kollektiven zusammenzufinden und den Streik auf die Beine zu stellen. Die Vielfalt der Frauen* und ihrer Motivation, die Welt zu verändern — gewaltig! Wir alle sind die Frauen*, die auf dem Bundesplatz gesprochen haben, das weiss ich nun. Und man(n) wird uns zuhören müssen, wir wollen nicht mehr still sein. Wir wollen nicht mehr Teil eines Systems sein, das nicht für uns gemacht wurde, das wir aber tagein, tagaus stemmen. Das haben auch unsere Mütter gemerkt. Nach 1991 kam noch einmal die Chance — die, die ihre Kraft schon lange verloren haben, mundtot gemacht wurden oder von einer erbärmlichen Rente leben müssen,  konnten nun von den Töchtern mitgerissen werden. Die Rentner*innen hatten ebenso hässige Plakate, wie die Klima-Kids, die seit Monaten streiken und sich im Transparent-Malen üben (mit Erfolg, natürlich!). Wut ist nicht Trotz, und trotzdem schäumt sie — weil wir keine Lust haben, in den patriarchalen Strukturen weiterzuleben, wir sind wütend, weil wir reden und reden und reden und weder die Politik, noch die Ökonomie oder ein grosser Teil der Gesellschaft etwas von Gleichberechtigung, Respekt und Solidarität hören wollen. Wir sind wütend, weil unsere Mütter keinen Lohn bekommen, weil unsere Mütter die Väter unterstützen ohne einen Deut Anerkennung dafür einzuheimsen. Wir sind wütend, weil Frau* ein Bild ist und keine Daseinsberechtigung. Wir sind wütend, weil Männer uns einstellen, Männer uns kritisieren, Männer uns feuern. Diese Liste ist unendlich und viele Frauen* haben wieder und wieder eine solche zusammengestellt. Diese Listen, die wir alle, so lange wir denken können, in unserem Kopf mit uns umhertragen, waren im Kollektiv nicht eine Sekunde ein Thema — wir verstehen uns. Diese Liste ist die Basis einer jeden Frau*, die sich im Vorfeld, für und am 14. Juni engagiert hat, gesungen hat, geredet hat und Parolen gerufen hat. Wir müssen untereinander nicht mehr diskutieren. Das hat uns dazu bewogen, diese Wut in Energie umzuwandeln — in eine positive Energie, die es vielen Frauen* ermöglicht hat, Job, Kinder, Studium und tausende Stunden Arbeit für den Frauen*streik unter einen Hut zu bringen. Weil wir wussten, dass wir nicht allein sind. Weil wir wussten, dass alles, was wir beitragen respektiert und bedankt wird. Den meisten von uns wurde nie zuvor, oder schon lange nicht mehr, so viel Affirmation entgegengebracht und das spricht für sich. Das heisst nicht, dass wir emotionale Heulsusen sind, sondern dass es wirklich sehr schlecht um die Frauen* steht. Und das in der Schweiz. Eine so eigenständige, funktionierende, liberale, kapitalistische Wirtschaft…ja, da haben wir’s. Und wenn jetzt wirklich alle politischen Bewegungen dieses Landes so links wären, wie sie sich auf die Stirn schreiben, dann würden sie sich vielleicht auch mal für die Frauen* einsetzen — für die Frauen* wie du* und ich*, nicht nur für die Quoten-Parlamentarierinnen. Also: Es hat jede einzelne Frau* und ihren Einsatz gebraucht, dass dieser grösste Streik der neueren Schweizer Geschichte so über die Bühne gehen konnte, wie es passiert ist. Die Medien haben uns grösstenteils nicht nur kaum zu Wort kommen lassen, da ja, wie zu erwarten, fast nur Männer mit der Reportage beauftragt waren (dass Frauen* Frauen* dokumentiert haben, mussten wir ja auch noch selber organisieren, um diesen patriarchal-kolonialen Blick wenigstens auf einigen Bildern wegzubringen), sondern haben auch die Zahl der streikenden Frauen* an der Wurzel richtig schön abgesäbelt. Ich hoffe, dass die Historiker*innen der Zukunft, die es hoffentlich besser im universitären System aushalten als ich, diese Zahlen berichtigen werden. In Bern waren wir sicher über 100’000 Frauen* — den Demo-Umzugs-Kreis hätten wir nämlich mit den von den Medien gezählten, lappigen 35’000 Teilnehmer*innen nicht symbolisch vor dem Bundeshaus geschlossen. Die Frauen* bauchen mehr Platz als ein Wank-Dorf, aber das war eigentlich schon vorher klar. Der Kampf muss weitergehen. Und mit Kampf, liebe Konservative, ist nicht gemeint, dass die Frauen* bei Nacht und Nebel mit den Messern losstürmen, um ihre Männer und Kinder umzubringen (auch wenn „Intellektuelle“ diese Information etwa so an ihre 7000 Follower*innen brühwarm weitergeben), sondern ein Kampf für ein lebenswertes Leben. Ein Kampf für ein lebenswertes Leben — that’s it! Und lebenswert heisst verdammt nochmal, einen entlöhnten Job ausüben zu dürfen, eine Partnerschaft eingehen zu können, ohne sich zu unterwerfen oder gedemütigt zu werden, es heisst, gehört, verstanden und respektiert zu werden. „Wenn ich abends nach Hause gehe, will ich frei sein, nicht mutig“ — dieser feministische Slogan aus dem Spanischen, hat eine Freundin aus dem Kollektiv gesagt, schreiben wir auf den Spielplatz, damit die Mütter wissen, was ihren Töchter geschehen wird, wenn sie grösser werden. Beide Aussagen treffen den Nerv unserer Zeit, auch wenn ich das mit Tränen in den Augen sage. Die Kreideaktionen werden von der Polizei als Sachbeschädigungen im Büchlein eingetragen, Freundinnen werden von Kastenwagen eingekreist und gefilzt oder gar von zivilen Polizisten zu Fuss verfolgt. Die gleiche Angst begleitet Frauen, die ein paar wenige Strassen endlich mit Frauennamen behängen möchten — wären wir ein Fussballclub und hätten gerade den Meistertitel gewonnen, wäre es in Bern nicht mal vielleicht ein Problem, sämtliche Strassennamen mit Namen von männlichen Fussballern (die die Hälfte der Bevölkerung eventuell—sorry— nicht interessiert, da es auch Frauen*fussball gibt, der existiert, auch wenn man ihn nirgendwo zu sehen bekommt) zu überkleben. Niemand hat nachgedacht, niemand hat sich beschwert, Brücken sind noch immer mit gelb-schwarzer Dispersion bemalt. Smash Patriarchy will also sagen, dass wir die Nase gestrichen voll haben — vom herrschenden System, von Rollenbildern, von Paternalismus und davon, dass Männer uns die Welt erklären. Und was wir mit diesem Streik, nebst dem, dass wir eine radikal bessere Welt für Frauen* wollen, auch zu bezwecken versuchen ist, dass alle, die sich nicht mit Feminismus beschäftigen oder dafür interessieren (es gibt schon gar nicht mal so schlechte Definitionen auf Wikipedia, die man sich sowohl als Architekt, Dichter, Ehemann und Politiker*in anschauen könnte, wenn man(n) sich eingesteht, dass man(n) wirklich keine Ahnung davon hat), sich wenigstens mal unsere Gegebenheiten und Strukturen durch den Kopf gehen lassen und sehen, wie beschissen vieles ist. Ihr werdet wütend sein. Wir sind noch nicht fertig mit dieser Welt.

 

Mit besonderem Dank an das Frauen*streikkollektiv Bern.

WIR SIND DIE HELD*INNEN UNSERER EIGENEN GESCHICHTE.

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