zurück

Sage nein!

13. Dezember 2019, 5383 Zeichen

Ich hab gedacht, ich spinn‘. Tatsächlich. Grossfirmen, die haben ein Problem. Scheisse – im wahrsten Sinne des Wortes. MitarbeiterInnen von bürokratisch organisierten, hirntoten (ja, die Welt ist so arm dran, dass ich Macron ‚zitiere‘) Grossorganisationen sitzen ihre Arbeitszeit auf den Toiletten ab. Nicht so höchstens fünf Minuten. Nein, stundenlang. Die sitzen da und warten, bis es vorbei ist. Mit eingeschlafenen Beinen bis alles vorbei ist. Im Gegensatz zu diesen Beinen fühlen sich die Beine der Frauen* dieser Welt nicht ganz so stumpf an. Sie stampfen unermüdlich in allen „Herrenländern“ zu un violador en tu camino. Und trotzdem müssen sich die Frauen* in Gesprächen mit ihren FreundInnen rechtfertigen, wieso das nun nötig sei. Ob das denn wirklich so sei, ob wir nicht übertreiben würden, das könne ja nicht sein. Well. Ich finde es irgendwie beängstigend, dass Tote leugnen wieder total ok ist. Eltern von ermordeten Mädchen* müssen sich vor Gericht anhören, ob die Tochter nicht vielleicht doch aufgrund von ‚love bites‘ ihr Leben lassen musste. Der Ex darf dann auch noch aussagen, dass sie es doch sonst auch so gemacht hätten, ein bisschen würgen halt, ein bisschen hart eben. Die „rough sex trials“ prekarisieren das Leben der Frauen, die Justiz schiebt die Verantwortung vor sich hin, die Femizide werden nicht weniger, Täter können Täter bleiben. Diese Welt lehrt uns gerade, sich aktiv gegen Statistiken, gegen das, was von der Wissenschaft übrig geblieben ist, gegen unabhängige ExpertInnen und allem voran gegen Dinge, die da draussen passieren, zu wehren. Wir sind im Zeitalter der Meinungen angelangt. Meinung ist Wahrheit, Meinung ist Politik. Die Diskussion ist tot bevor sie begonnen hat. Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte. Die Menschen haben ein bisschen mehr grün gewählt, weil sie jetzt doch lieber ein bisschen mehr Umwelt für die Zukunft möchten. Ein bisschen mehr Zukunft für die Kinderli. Oder was auch immer. Egal. Auf jeden Fall wär jetzt mal Zeit gewesen ein bisschen mehr Luft und ein bisschen weniger Kohlenstoffdioxid (btw.: Mein Schreibprogramm kann das Wort ‚Kohlenstoffdioxid‘ leider nicht erkennen – wird geil mit dem Klimaschutz!) in den Bundesrat zu blasen. Wenigstens für das Gewissen. Wenigstens für die Befriedigung des Wahlfetischismus. Wenigstens für das Gefühl der WählerInnen, mit ihren Stimmen etwas bewirken zu können. Nein, das möchte der Staat, das Parlament nicht. Denn: unser geldgeile, immer weiter nach rechts rückender FDP-Herr, das ist der, der es endlich geschafft hat, die Minderheiten in unserem Land zu stärken und adäquat in der Politik zu vertreten: das Tessin. Merci. Ich bin so froh. Welch‘ ein Glück, dass wir nur dieses eine Repräsentationsproblem haben. Dann müssen wir uns nicht um die kümmern, die es wirklich gibt. Sonst müssten wir uns auch darüber Gedanken machen, dass PädagogInnen mit Sonderausbildungen nach und nach ihre Jobs verlieren. Genau jene Menschen, die sich auf eigene Kosten weitergebildet haben, um den Menschen auf der Flucht in diesem eigenbrötlerischen Staat irgendwie eine Chance zu geben. Tempi passati, nämlich weil die europäische Flüchtlingspolitik so richtig übel zu greifen beginnt und es die Kinder der Welt gar nicht mehr erst in unsere Schulen schaffen, sondern irgendwo da draussen erfrieren, in Gefangenschaft und von ihrer Familie getrennt sind oder vom Menschenhandel aufgefressen werden. Währenddessen wird hier darauf gewartet, dass die technologische Revolution uns die messianische Erlösung bringt und alle Wunden heilt. Aber das System, nein, das System muss sich nicht ändern. Etwas Soziales, wäh!, das würde hier bei uns eben nicht gehen, eben wegen… und sowieso Kommunismus tönt irgendwie schlecht, das wäre ja dann eine Diktatur? Schauen wir nur nach China da sehen wie eben, dass… ja. Irgendwie scheint es mir, als hätten wir jegliche Sprache verloren, um über politische Angelegenheiten zu sprechen. Gedanken werden im Keim erstickt, sonst würden sie ja noch überlegen. Die eine Hälfte der Insel wollte auch ein bisschen mehr sozial, ein bisschen besser Rente, ein bisschen effizienter Schule – viel einfacher könnten Forderungen eigentlich gar nicht mehr sein. Eigentlich. Aber es geht. Im Häuschen 10 weilt nun noch immer eines mit wilder Perücke, das sehr laut seit einem Jahr einen einzigen Satz schreit. Keep it simple. Ein Symptom der verkrüppelten Staatsgewalt. Ich denke nicht, dass wir unsere politischen Vorstellung in einem Satz zusammenfassen müssen können und das chto delat der heutigen Zeit mit einer wegweisenden Antwort zerschmettern müssen. Ich fänds aber irgendwie superkrass, wenn die revolutionäre und systemkritische Haltung der Menschen weder in den Abflussrohren der Bürokratie noch in den Hälsen der Frauen* stecken bleiben müsste, sondern sich Gehör verschaffen könnte. Wir können weder warten noch zulassen, dass wir tot sind. Die Dinge müssen nicht so bleiben wie sie sind. Die Minderheit der WählerInnen haben die Schreihälse gewählt, manche Männer denken nun schon, dass Frauen* auch Menschen sind und viele Eltern haben Klimakinder bekommen! Hoffnung ist Macht. Und weil ich nicht über die deutschen Liedermacher hinwegkomme: Tobe, zürne, misch dich ein: Sage nein!

Weitere Essays