zurück

Hegels (Hasen-)füße

20. Februar 2016, 7238 Zeichen

Der so scheinende Kosmopolit Milo Rau ist eben doch einfach nur Schweizer. Dies ein erster Eindruck der Lektüre seines Faszikels Althussers Hände. Wie man dermaßen erpicht darauf sein kann, an jeder erdenklichen Stelle Theoretiker_innen zu bashen, dies zumeist belanglos oder hanebüchen, und doch nichts Besseres weiß, als schon im Titel ein dickes, faules Ei zu legen, das gut 200 Seiten weiter hinten nichtsdestotrotz lauwarm ausgebrütet wird – man darf rätseln. Ein Sinnbild mit alibihaftem Stallgeruch beginnt sich abzuzeichnen: Es ist dies der durchschnittliche flachländische Bürger, der versucht seine Denke mit einer illusionären, pseudoberglerischen und durch gesuchte, denkerische Holprigkeit vermittelte Bodenständigkeit anzureichern, um so etwas wie Klarheit, Ursprünglichkeit oder Authentizität zu suggerieren, die seinem intellektuellen Habitus zuwiderläuft und seiner postmodernen Lebenswelt fehlt.

Nun – formulieren kann Milo Rau, und dies ziemlich gut. Seine Schreibe entbehrt nicht einer gewissen Scharfzüngigkeit; polemisch, klar und an manchen Stellen richtig böse – eine sicherlich nicht alltägliche Begabung. Einige notwedige Recherchekurven hat Rau aber geschnitten. Gerade den titelgebenden Althusser, den er außerordentlich zu schätzen meint, hat er – so schreibt er selbst – gelesen, für schwierig empfunden, doch gemocht, und seine Theorie zuwenig verstanden. Eine etwas wässrige Rechtfertigung für einen reißerischen Buchtitel. Doch auch die Erwähnungen von Foucault und Deleuze grenzen an reine Oberflächlichkeit, und wie er einer Philosophin vom Format Judith Butlers mit dem Adjektiv «leichtgewichtig» aufwartet, zeugt von erheblicher Unbedachtheit und ist massiv daneben. Freunde Hegels haben vermutlich generell und automatisch eine gewisse Mühe mit poststrukturalistischer Philosophie, doch hätte es gerade dabei geholfen, seinen «vieil Alt» eingehender zu studieren, wie Foucault seinen Lehrer Althusser tautologisch niedlich zu nennen pflegte.
Theoretiker*innen werden von Rau wenig phantasievoll als «autistisch», oder als «depressiv» und «psychotisch» beschrieben. Dass Althusser seine Frau mit bloßen Händen erwürgte – fasziniert Rau zwar – dass er dies in totaler geistiger Umnachtung getan hat, erwähnt er mit keiner Silbe. Die alte Frage, ob das als Begründung reicht, um dessen Theorie zu kübeln, kann man an Nietzsches Wahnsinn erinnernd getrost mit Nein beantworten. Allerdings muss man von dieser Tat angewidert sein. Widerlich ist es umso mehr, diesen Mord in hehrer Sex&Crime Manier unreflektiert zu banalisieren und zu reproduzieren. Falls auch dies als «Reenactment» verstanden werden will, wäre dies entlarvend: boulevardeskes Clickbaiting mit der durchwegs postmodernen Idee kombiniert, quasi neutral dem Publikum keine Antworten vorzukauen – eine fatale Paarung.

Schon in seinem sogenannten Essay mit dem vielverheißenden Titel Chto delat? verbleibt Rau gefangen in einem höchst uninteressanten Namedropping, Theorien welche er offenbar nur als sinn- und nutzlose Namen kennt. Etwas besser scheint ihm Lenin bekannt zu sein, von welchem zumindest zwei Bücher explizit besprochen werden. Immerhin wird so angeregt, den größten Revolutionär des 20. Jahrhunderts wiedermal zu lesen. Als Feuilletonist, wie er in namhaften Blättern auch schon gefeiert wurde, hat er damit schon ein gewisses Ziel erreicht. Sich jedoch pseudojournalistisch in Sachunkenntnis zu gefallen, wobei doch gerade das Feuilleton ein Ort wichtigster Recherchen bleibt, ist nicht in irgendeinerweise proletarisch, – ist nicht einmal nur polemisch, sondern wie eingangs beschrieben, gewissermassen volkstümlerisch.
Dabei wird eine möglichst regierbare Einheit beschworen, welche einzig in ihrem Unverständnis und Desinteresse für intellektuelle Fragen gebündelt wird. Eine groteske Dialektik, auf der einen Seite die Intelligenzija als vermeintlich überflüssiger Überbau, auf der anderen Seite ein hobbes’sches «Volk». Und die Synthese: nix als Rau. Eine antidialektische Auseinandersetzung mit dieser gewaltsamen Reduktion würde z.B. das Wort «Multitude» postmoderner Theorie eines Toni Negri mit sich bringen, entnommen der Philosophie Spinozas. Dabei geht es im Wesentlichen darum, eine Vielheit ohne Einheit zu formulieren, welche die steinzeitmarxistische Trennung von Arbeiter vs. Intellektuelle eben gerade überholt.
Doch Milo Rau mag «Worte» nicht. Dass man diese synonym «Konzepte» nennen könnte, entgeht dem sonst frankophonen Theatermacher. Dass darin liegende Geographien von Gedanken gerade niemals «eigen» sein müssen, versteht ein postmodern lebender, auf liberalen Individuonarzissmus getrimmter Selbstverwirklicher natürlich nicht. Dass es gerade die wichtigste Seite der poststrukturalistischen Theorie ist; nämlich die Möglichkeit, in tausenden Hirnen denken zu üben, ohne immer «selbst» oder «eigen» sein zu müssen, – eine Erkenntnis, die an diesem kryptokommunistischen Nostalgietheater vorbeizieht, und damit auch die Möglichkeit beerdigt wird, das Gemeinsame/Kommune zeitgemässer zu denken – dank und mit Konzepten von Autor*innen, die Rau nicht mögen will. Um Worte zu schwingen, wie es Milo Rau in seinen Texten zu tun beliebt, muss man die von den Amis so genannte «French Theory» etwas näher studiert haben, und kommt nicht daran vorbei, deren ungeheuren Einfluss auf zeitgenössische Diskurse zu würdigen. Hätte man verstanden worum es dabei ging, man würde sich weder zu Lenin noch zur Dialektik flüchten, sondern bedenken, welche Problematik solchen Simplifizierung innewohnen kann, und diese Hegeleien künftig meiden.
Milo Rau’s gebündelte Schreibe mit dem pathetischen Titel Althussers Hände darf man sich trotzdem anschaffen, viel Lustiges ist darin zu finden, und handwerklich ist das Teil ganz ordentlich: Angefangen mit seinem Artikel zur «Unst», über interessante Ausführungen zu Theater- und Filmgeschichte, zu Nicole Kidmans Mimik und Coca Cola’s Rot – kurzweilig ist das schon.
Ob man es gerade zuvorderst ins Regal stellen will, muss man aber selbst herausfinden. Hilfreich wäre vielleicht ein Packpapiereinband, worauf man mit einem dicken Filzstift «Windbeutelei und Scharlatanerie» schreiben könnte. So wüsste man gleich, dass man Hegel vor sich stehen hat, und seinem inneren Schopenhauer freien Lauf lassen muss, will man nicht von akuter Schulmeisterlichkeit geplagt, postwendend den Verstand verlieren.
Fazit in aller Kürze: Die gegenhegemoniale diskursive Wirkung, wie auch die offensichtliche politische Relevanz, welche Raus «Reenactments» ausmachen, fehlen in seinen Texten klar. Man ertappt sich bei dem Verdacht, dass gar nicht ein und dieselbe Person dahinterstecken könnte, aber so starr soll man sich Individuen eben auch nicht vorstellen. Hat einerseits seine Theaterarbeit immer etwas eines frontalen Angriffs auf die die Gesellschaft durchziehenden Mächte, wirkt andererseits nach Was tun? nun auch Althussers Hände  altmodisch und teilweise resigniert. Der bösen neuen Welt soll man mit Großvaters Methoden entgegenstehen, denn: früher war auch das Wetter besser.

Weitere Essays